Weniger Autos – aber wie soll das auf dem Land funktionieren?
Weniger Autoverkehr, mehr Bus und Bahn, bessere Radwege: In der Theorie klingt die Verkehrswende vernünftig. In vielen Großstädten ist sie zumindest vorstellbar. Wer auf dem Land lebt, erlebt jedoch häufig eine andere Realität.
Der Arbeitsplatz liegt im Nachbarort, der Supermarkt mehrere Kilometer entfernt und der letzte Bus fährt am frühen Abend. Arzttermine, Schichtarbeit, Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen lassen sich nicht immer nach einem Fahrplan organisieren.
Ist die Forderung nach weniger Autos deshalb weltfremd? Oder wird das Auto auf dem Land manchmal vorschnell für unverzichtbar erklärt?
Die ehrliche Antwort lautet: Beides kann stimmen.
Auf dem Land ist das Auto häufig keine Luxusfrage
Nach der aktuellen Studie „Mobilität in Deutschland“ werden in ländlichen Regionen mehr als 60 Prozent der Wege mit dem motorisierten Individualverkehr zurückgelegt. Betrachtet man die gefahrenen Kilometer, liegt der Anteil sogar bei mehr als 80 Prozent.
Das ist nicht allein eine Frage persönlicher Vorlieben. In kleinstädtischen und dörflichen Räumen werden pro Person täglich etwa 40 bis 41 Kilometer zurückgelegt. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei ungefähr 35 Kilometern.
Viele Menschen benötigen das Auto, weil wichtige Ziele weit auseinanderliegen:
Arbeitsplätze und Ausbildungsstätten
Einkaufsmöglichkeiten
Arztpraxen und Krankenhäuser
Schulen und Kindertagesstätten
Behörden und andere Dienstleistungen
Freizeit- und Kulturangebote
Hinzu kommen unregelmäßige Arbeitszeiten. Ein Bus, der morgens und nachmittags fährt, hilft weder der Pflegekraft im Frühdienst noch dem Beschäftigten, dessen Spätschicht um 22 Uhr endet.
Wer in dieser Situation einfach höhere Kosten für das Autofahren oder weniger Parkplätze fordert, ohne eine brauchbare Alternative anzubieten, trifft nicht nur bequeme Vielfahrer. Es trifft auch Menschen, die ihren Alltag kaum anders bewältigen können.
Kein Auto zu besitzen kann ebenfalls zum Problem werden
Die Abhängigkeit vom Auto hat eine zweite Seite: Was geschieht mit Menschen, die keinen Führerschein besitzen, sich kein Auto leisten können oder aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fahren dürfen?
Für Jugendliche, ältere Menschen und Personen mit Mobilitätseinschränkungen kann ein schwaches Verkehrsangebot soziale Teilhabe verhindern. Einkaufen, Arztbesuche oder Treffen mit Freunden werden dann von der Hilfe anderer abhängig.
Bundesweit verfügt knapp die Hälfte der Bevölkerung am Wohnort nur über ein verhältnismäßig schlechtes öffentliches Verkehrsangebot. In ländlichen Regionen ist die Situation häufig besonders schwierig.
Das eigene Auto schafft Freiheit – aber ein Verkehrssystem, das diese Freiheit zwingend voraussetzt, schließt andere Menschen aus.
Trotzdem ist nicht jede Autofahrt alternativlos
Dass viele Menschen auf dem Land ein Auto brauchen, bedeutet nicht, dass jede einzelne Fahrt zwingend mit dem eigenen Wagen erfolgen muss.
Deutschlandweit liegt für mehr als ein Viertel der Berufspendler der Arbeitsplatz weniger als fünf Kilometer von der Wohnung entfernt. Trotzdem wird auch auf kurzen Strecken häufig das Auto genutzt.
Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe: fehlende Radwege, schlechtes Wetter, Zeitdruck, körperliche Einschränkungen oder mehrere miteinander verbundene Wege. Manchmal spielen aber auch Gewohnheit und Bequemlichkeit eine Rolle.
Genau hier wird die Diskussion schwierig. Es ist unfair, alle Autofahrer als rücksichtslos darzustellen. Ebenso wenig überzeugt die Behauptung, auf dem Land könne grundsätzlich auf keine einzige Autofahrt verzichtet werden.
Zwischen Zwang und Gewohnheit liegt ein großer Bereich, über den sachlicher gesprochen werden sollte.
Warum weniger Autoverkehr trotzdem sinnvoll wäre
Autos benötigen Platz, verursachen Lärm und belasten Umwelt und Klima. Auch ein Elektroauto löst nicht alle Probleme: Es braucht Straßen, Parkraum, Energie und Rohstoffe und verursacht bei seiner Herstellung sowie durch Reifenabrieb weitere Umweltbelastungen.
Weniger Autoverkehr kann daher auch auf dem Land Vorteile bringen:
weniger Durchgangsverkehr in Ortschaften
mehr Sicherheit für Kinder, Fußgänger und Radfahrer
weniger Lärm
geringere Kosten für Haushalte, wenn ein Zweitwagen entfallen kann
mehr Selbstständigkeit für Menschen ohne Auto
weniger Abhängigkeit von Kraftstoffpreisen
Das Ziel sollte deshalb nicht lauten, das Auto auf dem Land abzuschaffen. Sinnvoller wäre es, den Menschen echte Wahlmöglichkeiten zu geben.
Ein leerer Bus ist allerdings noch keine Verkehrswende
Ein häufiger Einwand ist berechtigt: Große Busse, die fast leer durch dünn besiedelte Regionen fahren, sind weder wirtschaftlich noch besonders überzeugend.
Ein dichter Zehn-Minuten-Takt wie in einer Großstadt lässt sich nicht auf jedes Dorf übertragen. Die Zahl potenzieller Fahrgäste ist kleiner, die Wege sind länger und die Finanzierung ist begrenzt.
Ein besseres Angebot kostet erheblich mehr Geld. Nach einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes wären für einen starken Ausbau des öffentlichen Verkehrs bis 2045 zusätzliche Milliardenbeträge erforderlich.
Die Frage lautet daher nicht nur, was wünschenswert wäre. Sie lautet auch, welches Angebot dauerhaft bezahlt und zuverlässig betrieben werden kann.
Auf dem Land braucht es andere Lösungen als in der Großstadt
Die Verkehrswende auf dem Land wird nicht durch ein einziges Verkehrsmittel gelingen. Wahrscheinlicher ist eine Kombination verschiedener Angebote.
Verlässliche Hauptverbindungen
Zwischen größeren Orten, Bahnhöfen, Gewerbegebieten und regionalen Zentren braucht es feste Linien mit einem verständlichen und verlässlichen Takt. Ein Busangebot ist nur dann eine Alternative, wenn auch die Rückfahrt gesichert ist.
Rufbusse und flexible Kleinbusse
In dünn besiedelten Gebieten können kleinere Fahrzeuge eingesetzt werden, die nach Bedarf bestellt werden. Allerdings müssen Buchung und Nutzung einfach bleiben. Wer kein Smartphone besitzt, darf davon nicht ausgeschlossen werden.
Sichere Rad- und Pedelec-Verbindungen
Mit einem Pedelec sind auch Entfernungen von zehn oder mehr Kilometern für manche Menschen machbar. Dafür braucht es jedoch sichere und durchgängige Wege. Ein aufgemalter Streifen an einer stark befahrenen Landstraße reicht nicht.
Mobilitätsstationen
Park-and-Ride-Plätze, sichere Fahrradabstellanlagen und gute Anschlüsse können Auto, Fahrrad, Bus und Bahn sinnvoll verbinden. Das Auto würde dann nicht verschwinden, aber möglicherweise nur noch für einen Teil der Strecke benötigt.
Fahrgemeinschaften und örtliches Carsharing
Nicht jeder Haushalt benötigt zwingend mehrere Fahrzeuge. Fahrgemeinschaften, Nachbarschaftsautos oder kommunal unterstütztes Carsharing können einzelne Fahrzeuge ersetzen. Solche Modelle funktionieren allerdings nur, wenn sie zum Alltag der Menschen passen und zuverlässig verfügbar sind.
Kurze Wege erhalten
Mobilitätspolitik beginnt nicht erst beim Verkehrsmittel. Wenn Geschäfte, Arztpraxen, Schulen und Dienstleistungen aus kleineren Orten verschwinden, werden die Wege zwangsläufig länger. Ein Dorf ohne Grundversorgung lässt sich nicht allein mit einem neuen Radweg retten.
Erst Alternativen schaffen und dann Belastungen erhöhen?
Viele Menschen vertreten einen klaren Standpunkt: Bevor Autofahren teurer oder schwieriger wird, müssen funktionierende Alternativen vorhanden sein.
Daran ist viel richtig. Wer keine realistische Wahl hat, kann sein Verhalten nicht einfach ändern. Höhere Kraftstoffpreise, Parkgebühren oder andere Belastungen wirken dann nicht lenkend, sondern lediglich finanziell.
Allerdings darf die Forderung nach der perfekten Alternative auch nicht zur dauerhaften Ausrede werden. Verkehrsangebote entstehen nicht über Nacht, und nicht jede Fahrt wird jemals durch Bus oder Fahrrad ersetzt werden können.
Eine faire Verkehrswende benötigt deshalb eine nachvollziehbare Reihenfolge:
Verbindungen und Infrastruktur verbessern.
Angebote zuverlässig und dauerhaft betreiben.
Die Nutzung einfach und bezahlbar machen.
Erst danach zusätzliche Einschränkungen prüfen.
Menschen mit unvermeidbaren Autofahrten gezielt entlasten.
Das Auto bleibt – seine Rolle könnte sich aber verändern
Auch in Zukunft werden viele Menschen auf dem Land ein Auto benötigen. Das ist keine Niederlage der Verkehrswende, sondern eine Folge der räumlichen Verhältnisse.
Entscheidend ist nicht allein, wie viele Autos zugelassen sind. Entscheidend ist, ob für jeden Weg automatisch das Auto genommen werden muss und ob Menschen ohne Auto trotzdem selbstständig am Leben teilnehmen können.
Eine vernünftige Verkehrspolitik sollte Autofahrer nicht erziehen wollen. Sie sollte ihnen Angebote machen, die im Alltag tatsächlich funktionieren. Gleichzeitig sollten Autofahrer bereit sein, brauchbare Alternativen auch auszuprobieren.
Weniger Autos auf dem Land sind möglich – aber nicht durch Verbote allein und auch nicht überall in gleichem Umfang. Wer Veränderungen fordert, muss erklären, wie die Menschen morgens zur Arbeit, nachmittags zum Arzt und abends wieder nach Hause kommen.
Wie ist es bei Ihnen?
Könnten Sie auf einzelne Autofahrten verzichten – oder fehlt bei Ihnen jede brauchbare Alternative?
Welche Verbindung oder welches Angebot müsste es in Ihrem Ort geben, damit Sie das Auto häufiger stehen lassen könnten?
Gerade bei diesem Thema gibt es nicht nur eine richtige Antwort.




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